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 | Die Brandungswelle Roman. Ausgezeichnet mit dem Grand Prix des lectrices de Elle 2009
von Claudie Gallay Übersetzt von Claudia Steinitz 557 Seiten; 215 mm x 135 mm 2010 Btb ISBN 978-3-442-75242-3
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| Besprechung "557 Seiten, aber keine zuviel!" Christine Westermann, WDR
Textauszug Zum ersten Mal sah ich Lambert am Tag des großen Sturms. Der Himmel war schwarz und niedrig, auf dem Meer toste es schon kräftig. Er war kurz nach mir gekommen und hatte sich auf die Terrasse gesetzt, an einen Tisch mitten im Wind. Die Sonne ließ ihn das Gesicht verziehen, es sah aus, als würde er weinen. Ich beobachtete ihn, nicht weil er den schlechtesten Tisch gewählt hatte, und auch nicht wegen seiner Grimassen. Ich beobachtete ihn, weil er genauso rauchte wie du, den Blick ins Leere gerichtet, mit dem Daumen über die Lippen streichend. Trockene Lippen, vielleicht trockener als deine. Ich vermutete, er sei Journalist - so ein Sturm zur Tagundnachtgleiche konnte ein paar schöne Fotos geben. Hinter der Mole grub der Wind bereits tiefe Wellentäler und vertrieb den Gezeitenstrom Raz Blanchard - die schwarzen Flüsse aus den Nordmeeren oder den Tiefen des Atlantiks. Morgane kam aus dem Gasthof. Sie bemerkte Lambert. "Sie sind nicht von hier", sagte sie und fragte, was er wolle. Ihr Tonfall war mürrisch, wie immer, wenn sie bei schlechtem Wetter Gäste bedienen musste. "Sind Sie wegen dem Sturm hier?" Er schüttelte den Kopf. "Dann wohl wegen Prévert? Alle kommen wegen Prévert ..." "Ich suche ein Bett für die Nacht", sagte er schließlich. Sie zuckte mit den Schultern. "Wir sind kein Hotel." "Und wo finde ich eins?" "Im Dorf gibt's eins, gegenüber der Kirche ... Oder in La Rogue. Landeinwärts. Da wohnt eine Freundin vom Wirt, eine Irin, sie hat eine Pension ... Wollen Sie ihre Nummer?" Er nickte. "Kann ich noch etwas zu essen bestellen?" "Es ist drei ..." "Na und?" "Um drei gibt's nur Schinkensandwich." Sie zeigte auf den Himmel und die herannahende Wolkenwand. Die Sonne blitzte dahinter hervor. In zehn Minuten würde es stockdunkel sein. "Das wird eine Sintflut!" "Sintflut oder nicht, sechs Austern und ein Glas Wein, bitte." Morgane lächelte. Lambert war ein ziemlich hübscher Kerl. Sie hatte Lust, ihn zappeln zu lassen. "Auf der Terrasse servieren wir nur Getränke." Ich trank zwei Tische hinter ihm einen Kaffee. Andere Gäste gab es nicht. Sogar drinnen war es leer. Aus den Fugen in der Wand wuchsen graublättrige Pflänzchen. Durch den Wind sah es aus, als würden sie klettern. Morgane seufzte. "Ich muss erst den Wirt fragen." An meinem Tisch blieb sie stehen und trommelte mit ihren roten Fingernägeln auf das Holz. "Alle kommen wegen Prévert ... Warum sollte man wohl sonst kommen?" Sie verschwand im Lokal, nachdem sie noch einen kurzen Blick über die Schulter geworfen hatte. Ich dachte, sie würde nicht mehr zurückkommen, aber kurz darauf war sie mit einem Glas Wein, Brot auf einer Untertasse und den Austern auf einem Algenbett wieder da und stellte alles vor ihn hin. Auch die Nummer der Irin gab sie ihm. "Der Wirt hat gesagt, Austern sind okay, aber draußen ohne Tischtuch . Und Sie sollen sich beeilen, gleich geht's los." Ich bestellte mir noch einen Kaffee. Er trank den Wein. Sein Glas hielt er nicht richtig, aber er war ein Austernkenner. Morgane stapelte die Stühle auf, lehnte sie alle gegen die Wand und machte sie mit einer Kette fest. Sie winkte mir zu. Von da, wo ich saß, sah ich den ganzen Hafen und die Griffue, das Haus, in dem wir wohnten - sie mit ihrem Bruder Raphaël im Erdgeschoss, ich allein in der Wohnung darüber. Das Haus stand hundert Meter vom Lokal entfernt, am Ende der Straße, fast schon im Meer. Ohne Schutz. An Sturmtagen nur die Sintflut. Die Leute hier sagen, man müsse verrückt sein, um an so einem Ort zu leben. Sie hatten dem Haus den Namen La Griffue gegeben, die Zerkratzte, wegen der Tamariskenäste, die wie Fingernägel klangen, wenn sie über die Fensterläden kratzten. Früher war es ein Hotel gewesen. Früher, wann war das? In den Siebzigern. Es war kein sehr großer Hafen. Ein gottverlassenes Nest, eine Handvoll Männer und ein paar Boote. La Hague. Westlich von Cherbourg. Östlich oder westlich, ich verwechselte es immer. Ich war i
Langtext La Hague im Nordwesten der Normandie: Es heißt, der Wind bläst hier zuweilen so stark, dass er den Schmetterlingen die Flügel fortreißt. Nur wenige leben hier, am Ende der Welt, am Meer, dort, wo die Menschen ebenso schroff sind wie die Natur. Sie hat ihren Mann verloren und sich in diese raue Gegend geflüchtet. Sie beobachtet Vögel, eine monotone Arbeit, die ihr gut tut und sich mit ihrem Seelenleben deckt. Sie lebt in einem Haus, der Griffue, das fast im Meer steht; niemand versteht, wie man es dort aushalten kann. Das Leben ist ruhig, von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten, es wird vom Wetter, vom Wind, den Gezeiten bestimmt - bis eines Tages Lambert auftaucht. Fremde, die länger bleiben, gibt es selten; sie werden von den Einheimischen argwöhnisch beäugt, aber Lambert ist nicht wirklich fremd: irgendwie gehört er dazu. Vor vierzig Jahren starben hier seine Eltern und sein jüngerer Bruder bei einem Bootsunglück. Nun ist er zurückgekommen, um das dramatische Unglück von damals aufzuklären. Und allmählich bröckelt die Wand des Schweigens, hinter der jeder Dorfbewohner ein Geheimnis zu verbergen scheint. Was das Meer genommen hat, das spuckt es irgendwann wieder aus ...
Ausgezeichnet mit dem Publikumspreis der französischen "Elle".
Biografische Anmerkung zu den Verfassern Claudie Gallay,1961 im Département Isère geboren, gilt als eine der populärsten Schriftstellerinnen Frankreichs.
Claudia Steinitz, geboren 1961, lebt in Berlin und übersetzte aus dem Französischen und Italienischen u. a. Gabriele D'Annunzio, Henri-Frederic Blanc, Gerald Messadie und Jean-Christophe Rufin.
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